Der goldene Osten

Wenn man mit der S-Bahn aus Berlin raus fährt, also zum Beispiel mit jedem Zug der vom Ostkreuz nicht in die Stadt fährt, ist man schnell ganz woanders.

Bäume sind zu sehen, Wiesen, Bäche, Einöde. Die Häuser werden immer kleiner, kaum ein Mensch zu sehen. Das Rattern der S-Bahn erscheint plötzlich unheimlich laut.

Ein Grauschleier breitet sich über alles aus, der Kommunismus hat seine Spuren hinterlassen.

Jeder Bahnhof ein Erlebnis, die technische Ausstattung der Bahnhöfe wird von Bahnhof zu Bahnhof unmoderner.

Am Zielbahnhof angekommen bin ich zurück in den 90ern. So sahen früher alle (Ost-) Bahnhöfe aus:

Grau etwas verfallen, analoge Anzeigetafeln, graue trötenförmige Lautsprecher, ein ungenutztes, angegilbtes Glashaus in der Mitte.

Dazu noch mehr Einöde, eine Sparkasse, ein paar wilde Jugendliche, eine Oma, ein Dönerladen und eine Busstation.

So einfach sind also Zeitreisen denke ich und zünde mir wie in den Neunzigern einfach eine Kippe an als ich aus dem Abteil trete.

War da nicht was? Rauchverbot? Wo sind die Kameras und das Wachpersonal hier auf dem Bahnhof? Keinen Bock 15 Euro zu zahlen und mich belehren zu lassen.

Ich blicke auf sehe die alten Lautsprecher, lache weil es hier natürlich nicht nur kein Wachpersonal gibt, sondern auch keine Kameras.

Alle Ostbahnhöfe ohne Kameraüberwachung, – ist das kein Risiko für die deutsche Gesellschaft?^^ So nah bei Berlin?

Plötzlich erscheint mir die 90er Einöde in ganz neuen Licht. Freiheit! Unbeobachtete und undokumentierte Freiheit.

Schaue um mich, auch andere rauchen, keinen interessiert es, auch die Nichtraucher sehen nicht so aus als wollten sie gleich auf mich zu stürmen um mich zu belehren.

Ziehe an meiner Zigarette, blicke zu der Analog-Anzeige, die mir leider keine Ankunftszeit verrät. Lächle, der goldene Osten.

4 Gedanken zu „Der goldene Osten

  1. Once Upon a Time in the East Für diesen Bericht danke ich sehr, da ich genau solche Bahnhöfe liebe und zum Photographieren suche. Meine Frage, die sich in Deinen Bericht anschließt: Fuhrst Du in Richtung Ahrensfelde oder Strausberg oder geht beides? Wo steigt es sich am besten aus?

    (Die 90er-Einöde war eine ganz wunderbare Zeit, in der es wild und gefährlich zuging und das Leben noch unendlich war.)

    • Oh ja… das ist eine wirklich gute Idee – Bahnhöfe fotografieren 🙂
      Und davon abgesehen geht mir die zunehmende Amerikanisierung hier (überall Rauchverbot, überall Paranoia und Überwachungskameras) auch ziemlich auf den Geist… so langsam glaube ich, dass wir unsere Jugend in den besten Jahren verbracht haben, die diese Bimbesrepublik je gesehen hat.

    • @bersarin: Weil ich auch so gerne Bahnhöfe fotografiere: Strausberg, – fahre einfach eine Weile, du wirst wissen wann du aussteigen musst um zu fotografieren. 😉

      @virtualmono: Mit der Amerikanisierung gebe ich dir recht, ätzend dieser Überwachungsstaat. Mit der Jugend, denkt dass nicht jede Generation? Aber denke auch dass wir es besser hatten wir durften noch ohne Handy oder andere Ortungsmöglichkeit einfach unbeaufsichtigt im Wald spielen. 😉

    • Vielen Dank für den Hinweis. Ich denke, daß mich bei allem weiteren Vorgehen die Intuition und der Blick des Photographierenden leiten werden. Wenn das Wetter dann so ist, wie es für solche Bilder sein muß, werde ich am Wochenende in den Osten fahren. „Die wahren Mysterien finden im Bahnhof statt“, so wußte Proust, so wußte Beuys.

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