Pennerin

Wenn es mir nicht gut geht, sieht man mir das an. Besonders zu Hause laufe ich dann wie die letzte Pennerin rum. Dreckige Jogginghose, dreckiges T-Shirt, ungeduscht, Schlaffrisur, Fußnägel von denen der Lack abblättert, dreckige Fingernägel und keine Schminke. Wie abschreckend das wirkt, wurde mir erst klar, als der Amazonbote neulich mehrfach betonte, dass er dem Nachbarn eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten werfen wird. Was dachte der? Das ich Pakete klaue? Auch der DHL-Bote heute war nicht sehr freundlich, als ich ihm in diesem Outfit die Tür öffnete. Aber wo darf ich sonst Pennerin sein? Hier sieht mich sonst keiner und selbstverständlich dusche ich mich und mache mich zurecht, wenn ich vorhabe das Haus zu verlassen. Aber aktuell bin ich Pennerin, bis es mir wieder besser geht. Ich höre dann mal weiter seltsame Musik und gehe in die Badewanne, geschauspielert wird erst nächste Woche wieder.

Süßigkeiten, Stellenanzeigen, Spiele und Mitleid

Keine Ahnung was mit mir los ist, ich habe massig Schokolade, Süßigkeiten, Nüsse und Chips hier und ich rühre nichts an. Irgendwie ist mir nach Dienstag der Appetit vergangen. Gut so schnell schlecht werden wird der Kram nicht, keine Ahnung warum ich noch Süßigkeiten gekauft habe, obwohl klar war, dass ich Ostern noch mehr davon von meinen Eltern bekomme. Auch andere Dinge esse ich gerade nicht soviel, keinen Bock auf Frühstück, keinen Bock auf was Warmes und so lag ich gestern Nacht das erste Mal nach langer Zeit mit knurrenden Magen im Bett. Das alles scheint mir sehr nah zu gehen, denn es gibt bei meiner Trauer zwei Stufen: Frust, heißt essen, viel Frust, ich esse nicht mehr. Ein Freund bombardiert mich mit Stellenanzeigen, aber die Ostertage wollte ich dazu nutzen mich zu erholen und nicht um Bewerbungen zu schreiben. Ich finde ein paar Tage, um den Schock zu verarbeiten, darf ich mir gönnen.

Gestern viel gespielt bei den Eltern, soviel, dass es mir nach ein paar Stunden auf den Senkel ging, ich wollte nur nach Hause und meine Ruhe haben. Irgendwie war mir das alles zu viel. Klar geworden ist mir gestern auch, dass ich weder Glück im Job noch im Spiel habe, was ich habe ist, dass meine Mitmenschen Mitleid mit mir haben. Ich will euer verdammtes Mitleid nicht! Bemitleidet jemand anderen! Mitleid hat noch niemanden Kraft gegeben! Irgendwie kommt mir das alles wie ein Test vor, ob ich nach dieser Nachricht wieder in der Klinik lande, denn die Arbeit zu verlieren hat mich schon mal in die Klinik gebracht. Unklar ist derzeit auch, wohin es geht beruflich, bewerbe ich mich als Erfahrungsexpertin, versuche ich mich in meinen alten Job oder gehe ich vielleicht doch putzen. Alles Fragen die ich frühestens nächste Woche klären werde.

Immerhin schlafen konnte ich heute Nacht, tief und fast ohne Unterbrechung. Meine Nase spinnt immer noch, heute Ruhe, nur im Haushalt wirbeln und auf ein Paket warten, das Leben geht weiter, ist nur die Frage wohin.

Spinner im Wald

Gerade im Wald ein nicht so schönes Erlebnis, wir liefen mit dem Hund, ohne Leine, durch den Wald. Dann kam uns ein Mann mit ebenfalls unangeleinten Hund entgegen. Er fing an zu schreien, ob unser Hund eine Rüde oder Weibchen sei. Erst rafften wir nicht, dass er uns meint und reagierten nicht. Irgendwann merkten wir dass er uns meint und antworteten: „Rüde!“. Darauf schrie er weiter: „Dann werden wir ja sehen, wer die Rechnung bezahlt.“ Die Hunde beschnüffelten sich und gingen ihrer Wege, nichts passierte. Auf dem Rückweg der gleiche Kerl mit frei laufenden Hund, er sah uns und sagte lautstark wir sollten in unseren Bezirk bleiben. Wie bitte? Was sollte das denn heißen? Spinner im Wald.

Ostern, Einkaufshilfe, Betreuung und Familientag

Das Osterfest hat begonnen und ich stehe an meinen freien Tag mit Wecker auf, um zum Familienbrunch zu gehen. Zum Glück gibt es keine weiteren Osterpläne, nur heute und danach Ruhe im Karton. Gestern noch Einkaufshilfe und Unterhalterin für gehbehinderte Frauen in Kreuzberg gemacht und danach mit dem Hund bis nach Mitte und zurück gelaufen. Immer noch kein Masterplan wie es weitergehen soll, aber noch ist ja Zeit.

Vielleicht war das mein Jahr in der Betreuung in der Psychiatrie, aber ehrlich gesagt wird mir ein System nicht sympathischer, das zwar umsorgt, aber leider auch zu oft Leute in der Unselbstständigkeit hält. Für mich sollte Betreuung etwas Temporäres sein und keine Dauerlösung. Ist man noch ein guter Betreuer, wenn man glaubt, dass die Leute ewig bleiben? Man kann auch krank pflegen, wenn der Optimismus abhanden kommt.

Aber genug zum Beruf, heute heißt es Familientag und danach die Bude in Schuss bringen. Gelbe Tulpen blühen in meinem Wohnzimmer, die Vögel schreien und meine Lust die Wohnung zu verlassen ist nicht gerade groß. Dann feier ich mal Ostern, zum Glück muss ich keine Eier mehr suchen.

Geschafft, Geschenk, Geld, Wohnung und Italiener

Geschafft! Gestern noch arbeiten gewesen, obwohl mir die Kotze aus dem Mund hing. Jetzt habe ich frei bis nächste Woche, in diesem Punkt mal gutes Timing. Ich brauche Zeit für mich, zum Nachdenken, sortieren und zum Schock verarbeiten. Gestern ein Geschenk auf Arbeit erhalten, eigentlich ein schönes Geschenk, aber es liegt nicht weit dabei an ein schlechtes Gewissen zu denken. Ich hoffe immer noch auf den anderen Job, aber die Hoffnung ist nicht allzu groß. Als wäre mein Wohlbefinden nicht schon klasse genug, am Tag der Änderungskündigung meine Tage bekommen. Na wunderbar, das macht das Dramapotenzial nicht gerade kleiner. Immerhin das Geld ist da, also kann ich heute meinen Oster-Großeinkauf starten. Am Tag der Kündigung das erste Mal Glücksgefühle wegen meiner Wohnung gehabt, ich stand nach meiner Odyssee vor meiner Wohnungstür und war so erleichtert, dass ich eine Wohnung habe, die mir keiner wegnehmen kann. Wenigstens das ist stabil in meinen Leben, auch wenn ich meine Wohnung immer noch nicht mag. Egal ob ich arm, gesund oder krank bin, diese Wohnung ist meine. Eine Kollegin muss jetzt nämlich ihre Wohnung räumen, da Eigenbedarf angemeldet wurde, aber sie hat immerhin, im Gegensatz zu mir, einen unbefristeten Vollzeitjob. Aktuell reagiere ich auf italienische Mitbürger der Stadt etwas aggressiv, ich denke dabei immer an ihn und wünschte die Italiener würden sich etwas dezenter verhalten. Zum Glück sehe ich ihn derzeit nicht, keine Ahnung was passieren würde, wenn er hier wäre und italienisch spricht.

Verloren und gedemütigt

Das gestern lief schief. Ordentlich schief. Ich habe zwar eine Vertragsverlängerung, aber nur bis Ende des Jahres. Bis dahin soll ich mir innerhalb des Unternehmens eine andere Stelle suchen. Angeblich bin ich ganz toll, aber sie meinten mich in Schöneberg im Laden ein zusetzten war ein Fehler. Dieser Fehler wurde mehrfach begründet, allerdings mit ihren Versäumnissen. Bis Jahresende soll ich dafür einen Coach bekommen und kostenlose Praktika an anderen Stellen im Unternehmen machen. Wie es genau zu dieser Entscheidung kam weiß ich nicht, denn mein Team hat mir eigentlich immer positive Rückmeldungen gegeben. Warum hat keiner früher mit mir gesprochen? Warum hat mir keiner gesagt was man von mir erwartet? Ich habe erstmal nur Ja und Amen gesagt und war tapfer. Kein Geheule, kein Drama und danach noch 5 Stunden arbeiten gegangen. Nach Feierabend nach Kreuzberg, den Hund belustigen und ausheulen bei Mama. Immer noch kein Drama, doch zu Hause angekommen und so stark angefangen zu heulen, dass ich kotzen musste. Es ist so ungerecht, wie will man etwas richtig machen, wenn keiner einem sagt, was erwartet wird und keiner einen über 10 Monate ehrliches Feedback gibt? Ich dachte ich wäre fertig mit kostenlosen Praktika, ich weiß nicht, ob ich es mir leisten kann kostenlose Praktika neben der Arbeit zu machen. Meine Hoffnung dieses Jahr aus Hartz IV raus zu kommen ist damit zerstört, dabei war ich die letzte Woche so optimistisch mich aus diesem System endlich verabschieden zu können. Das ist jetzt wieder in weite Ferne gerückt, wenn ich all meine Zeit investieren soll einen Job zu behalten, der mich auch nicht ernährt. Ich bin wütend, ich bin enttäuscht, fühle mich gedemütigt, aber sehe derzeit auch keinen Ausweg.

Personalgespräch

Da war ich solange voller Sorge und Gedanken wegen dem heutigen Personalgespräch und jetzt ist es mir gefühlt wurscht. Na ja wurscht ist falsch, ich habe ein gutes Gefühl und für mich schon abgewägt, wenn es in die Hose geht. Nett ist schon mal, dass ich heute eine Stunde länger schlafen darf als regulär, kann Zufall sein, muss es aber nicht. Keine Ahnung was ich anziehen soll, aber ich werde schon was finden. Ganz gut geschlafen und jetzt am Gähnen. Der Ring fährt heute gar nicht zwischen Hermanstraße und Südkreuz und so werde ich komplizierter, aber auch stressarmer fahren müssen. Dauern wird es trotzdem länger, für jeden Weg jetzt mindestens 20 Minuten mehr einplanen. Meine Vögel begrüßten mich heute mit lauten Gesang, ich hoffe, die Nachbarn stört es nicht. Ich lasse es heute auf mich zu kommen, mehr kann ich eh nicht tun und versuche alle eingeübten Reden zu vergessen. Es wird passieren, was passieren wird, ich kann es kaum beeinflussen. Drückt mir die Daumen!

Atemwege, Kartoffelspalten, Bafögamt und Vodafone

Lange geschlafen und mit einwandfrei funktionierenden Atemwegen wach geworden. Sehr erfreulich, auch wenn es gerade wieder leicht anfängt. Keine Meinung zum Tag, es ist grau und kühl und ich habe nichts vor. Gestern noch spazieren gewesen und danach gekocht. Premiere bei mir selbstgemachte Kartoffelspalten, wirklich einfach und lecker. Die dunklen Wolken über meinen Kopf haben Seitenwind bekommen und verschwinden langsam. Wird schon alles wieder gut, abwarten und Tee trinken. Die beste Freundin hat sich wieder gemeldet, aber auch ihr geht es sehr gemischt. Das Bafögamt hat beschlossen mich bis 2019 in Ruhe zu lassen, sehr erfreulich, so schnell werde ich nicht genug Geld für die haben. Der Typ von Vodafone hat mich ordentlich verarscht wie ich jetzt weiß, aber gut dann wird dieser Vertrag halt wieder gekündigt, denn durch die Zusatzpakete die er mir in letzter Sekunde auf dem Vertrag angekreuzt hat, zahle ich jetzt mehr als vorher. Schauen wir mal was aus dem Tag wird, eingekauft wird heute nicht, denn ich bin pleite, aber am liebsten bin ich derzeit eh in meinem Bett.

Betreuung und Augenhöhe

Es ist so eine Sache mit der Betreuung. Der Grundgedanke ist ja Menschen, die sich nicht selbst helfen können zu helfen. Doch wer entscheidet, was ein Mensch kann und was nicht? Wo hört eine gut gemeinte Betreuung auf und wo fängt Bevormundung an? Ich finde es schwierig heraus zu finden, was die Person auch selber kann und was nicht. Hinzu kommt mein Helfersyndrom, was sicher nicht förderlich ist, wenn es um die Selbstständigkeit des Betroffenen geht. Nach meiner Krankheit wurde ich immer gefordert, meine Mutter sah einfach nicht ein, dass ich krank bin und deswegen viele Dinge nicht mehr kann. Das war grausam, aber irgendwie auch gut, denn so wuchs ich an meinen Aufgaben und wurde wieder selbstständig. Also versuche auch ich Klienten zu fordern, doch es schwingt immer die Angst mit zu überfordern. Auf der anderen Seite jedoch gibt es auch die die sich auf ihrer Betreuung ausruhen, sie versuchen gar nicht mehr Dinge selbst zu regeln, denn da gibt es ja jemanden der das für sie regelt. Sehr bequem für den Klienten, aber förderlich? Ich denke auch, dass wenn man lange mit Leuten zu tun hat, die wenig selbst auf die Reihe kriegen, dass man dazu tendiert alle Betreuten so unselbstständig zu sehen. Soweit ist es bei mir noch nicht, aber auch ich tendiere dazu Klienten Dinge abzunehmen, statt einfach solange zu warten, bis sie es selbst hinkriegen.

Dann ist da noch die viel beschworene Augenhöhe, die Erfahrungsexperten angeblich besser beherrschen. Dem würde ich zustimmen, ich bin immer auf Augenhöhe, aber vielleicht übertreibe ich damit auch, denn oft führt zu viel Augenhöhe dazu dass man als Kumpel wahr genommen wird und nicht als Betreuer. Wie schafft man es Augenhöhe zu haben und trotzdem professionell distanziert zu sein? Kann man Kumpel und Betreuer gleichzeitig sein? Oder ist das unmöglich? Wo ist meine Rolle in der Betreuung? Kann ich überhaupt betreuen oder bin ich eher der bezahlte Kumpel? Bin ich ein Spion der auf Grund der eigenen Leidensgeschichte mehr Vertrauen bekommt und dieses Wissen aber nutzt, um die Betreuung besser zu machen? Wie macht man es richtig? Wo ist meine Rolle? Ich stehe als Erfahrungsexpertin zwischen den Fronten und versuche immer zu dolmetschen, ist das meine Rolle? Leider wissen die professionellen Helfer auch keine Antwort auf meine Fragen, es ist jeden Tag ein Balanceakt, die Betreuung und Augenhöhe.