Kerzen, erschöpft, spazieren, das wütende Mädchen und alle Tassen

Guten Morgen, Kerzen in der Dunkelheit für die Erwachende. Viel besser als noch mit zugekniffenen Augen viel zu helle elektrische Beleuchtung anzuschalten. Gestern viel telefoniert und viel geschlafen. War so erschöpft. Einkaufen gewesen und reduziertes Sushi und reduzierten Salat gekauft und später gegessen. Ohne Kochbox gerade keine Motivation zu kochen. Vielleicht heute wieder kochen, es gibt noch frischen Spinat. Heute Mittag verabredet zum Spazieren, ist nur etwas kalt geworden zum Spazieren. Aber wie sagt man so schön: „Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung.“ Ein weiteres Treffen mit einem alten Freund ist geplant, bei ihm nur schwierig, denn er ist ungeimpft, da können wir dann nirgendwo hin mit, also auch spazieren?

Die Nummer mit dem Stiefvater 1 bewegt mich sehr, ich möchte ihn sprechen, aber ich bin auch so wütend, allein die Erinnerung an ihn bringt mich zum Heulen. Da steckt noch ein verdammt wütendes kleines Mädchen in mir, welches jetzt über 30 Jahre durchgehalten hat diesen Mann zu hassen. Man nennt mich auch die dickköpfige nie vergessende? Ist aber tatsächlich so, ich vergebe, aber vergesse nie, bei ihm weder vergeben noch vergessen. Die Verletzung, Traumatisierung und Enttäuschung sitzt zu tief. Ich dachte ich hätte einen Vater gefunden, eine bessere Zukunft und dann war der doch nur eine feige Sau, die weglief und mich und meine Mutter in einer schlimmen Situation allein ließ. Die überforderte Mutter versuchte deswegen dann mehr zu arbeiten, ließ mich allein und schlug auf mich ein, als sie nicht mehr konnte. So viel dazu, woher die Wut kommt. Habe Angst vor dem Gespräch, vielleicht brülle ich auch einfach rum und lege wieder auf.

Freue mich, dass der alte Freund wieder draußen ist, ich hoffe er schafft es dieses Mal länger draußen, als im Knast zu sein. Romantisch habe ich keine Ambitionen bei ihm, aber ich fühle mich ihm schweigend tief verbunden. Vielleicht kann ich ja helfen dabei, denn mein Eindruck ist, dass er immer wieder in der Scheiße landet wegen falscher Freunde. Schäme mich zwar ihn so dick zu begegnen, aber eigentlich weiß ich doch, dass es ihm wahrscheinlich ziemlich egal ist wie dick ich gerade bin, Hauptsache ich lebe. Heute frei, irgendwie brauche ich gerade die langen Wochenenden für meine Seele und mich. Zum Glück hat die Chefin dem zugestimmt, ich kann die Stunden später abarbeiten oder wir verrechnen es mit Urlaub. Der Kaffee schmeckt aus gelber Tasse, eine Tasse meiner Mutter, das mit den Tassen hat meine Mutter sehr ernst genommen, sie hatte mit geschätzt 50 Tassen immer alle Tassen im Schrank? Keine Ahnung was sie vorhatte, Kaffee trinken mit der gesamten Nachbarschaft zur gleichen Zeit? Auch war sie immer besorgt um meine Tassen im Schrank, deswegen hat sie mir ständig welche geschenkt? Ich mochte das nie, aber jetzt nach ihrem Tod nehme ich gern ein paar mehr Tassen, als ich eigentlich brauche.

Es dämmert, die Kerzen werden unnötig, der Kaffee kalt. Frühstück? Wieder ins Bett? Oder doch das Bad putzen? Gar nicht geputzt diese Woche, ich habe andere Probleme, auch der Ehemann erscheint gerade uninteressant. Immerhin passende Musik zum Morgen gefunden:

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